Debatte ums Urheberrecht: Wem nicht gegeben wird, der nimmt es sich

Aus der Diskussion wie das Urheberrecht den neuen Realitäten des digitalen Zeitalters angepasst werden kann, ist ein zum Teil gehässiger Kampf um beanspruchte Verwertungsrechte und liebgewonnene Pfründe geworden. Dies immer verbunden mit Angriffen auf den Konsumenten, der als gewissenloser Dieb gebrandmarkt wird, der gar nicht mehr für Filme, Bücher oder TV-Serien bezahlen wolle. Dass nur schon die Erfolgszahlen von iTunes oder die E-Book-Verkäufe von amazon.com eine andere Sprache sprechen, wird da gerade von deutschen Künstlern gerne mal ausgeblendet. Für die Kampagne „Wir sind die Urheber!“ hatten sich anfangs Mai rund 1500 selbst ernannte „Künstler“ und „Kulturschaffende“ instrumentalisieren lassen und die Stärkung des Urheberrechtes gefordert:

Die neuen Realitäten der Digitalisierung und des Internets sind kein Grund, den profanen Diebstahl geistigen Eigentums zu rechtfertigen oder gar seine Legalisierung zu fordern. Im Gegenteil: Es gilt, den Schutz des Urheberrechts zu stärken und den heutigen Bedingungen des schnellen und massenhaften Zugangs zu den Produkten geistiger Arbeit anzupassen.

Das Urheberrecht ermöglicht, dass wir Künstler und Autoren von unserer Arbeit leben können und schützt uns alle, auch vor global agierenden Internetkonzernen, deren Geschäftsmodell die Entrechtung von Künstlern und Autoren in Kauf nimmt. Die alltägliche Präsenz und der Nutzen des Internets in unserem Leben kann keinen Diebstahl rechtfertigen und ist keine Entschuldigung für Gier oder Geiz. (Quelle)

In der Kommunikation ist Timing manchmal alles. Wie die Faust aufs Auge passt der Spiegel-Artikel von gestern:


Quelle: Screenshot spiegel.de

Demnach ist die TV-Serie “Game of Thrones” auf dem besten Weg, die „am meisten heruntergeladene Serie aller Zeiten“ zu werden. Das liegt nicht nur an der Qualität der Serie an sich, sondern auch am völlig veralteten Vertriebsmodell, das der Sender HBO praktiziert. Ausser im eigenen Kabelprogramm ist die Serie nirgends verfügbar, auch bei iTunes oder Hulu nicht. In Deutschland wird die Serie mit rund einem Jahr Verzögerung im Free-TV ausgestrahlt.

Die Verwertungsindustrie setzt also immer noch auf veraltete Geschäftsmodelle und orientiert sich nicht an den Bedürfnissen ihrer Kunden. Anstatt auf Urheberrechts- und Verwertungsmodellen aus der analogen Welt zu beharren, sollten Verlage und Sender ihre Angebote „den heutigen Bedingungen des schnellen und massenhaften Zugangs zu den Produkten geistiger Arbeit anpassen“, um es mit den Worten der Kampagne „Wir sind die Urheber“ zu sagen.

Wer einen Film oder ein E-Book „illegal“ herunterlädt, will ja nicht dem Produzenten oder Autor das Urheberrecht streitig machen, also das Werk als sein eigenes ausgeben. Sondern er will es konsumieren. Und anstatt Geld an Rapidshare und Co. zu überweisen, würden sicher viele Kunden gerne den eigentlichen Anbietern etwas bezahlen. Dass das Kundenbedürfnis da ist und auch ein tragfähiges Geschäftsmodell vorhanden ist, zeigen auch die “Erfolge” von Seiten wie kino.to. Aber die Anbieter müssen bereit sein, die etablierten und nicht mehr zeitgemässen Verwertungsketten zu verlassen. Nur wenn beispielsweise der neue TV-Film mit Mario Adorf am Tag nach der Erstaustrahlung kostenpflichtig bei iTunes angeboten wird, werden ARD und ZDF nicht aufhören, in Eigenproduktionen zu investieren. Also vom Ende des Kultur-Business kann keine Rede sein.

Aber wie soll nun das Urheberrecht künftig gestaltet sein? Es gibt erstens einem „Schöpfer“ das Recht, als Erschaffer eines Werkes genannt zu werden. Daran ist nichts auszusetzen. Kompliziertes wird es beim zweiten Teil, der dem Erschaffer das Recht einräumt, über die Veröffentlichung, Nutzung und Verbreitung zu bestimmen. Hier scheiden sich die Geister. Als juristischer Laie kann ich keine Vorlagen für gesetzliche Formulierungen liefern. Das wichtigste ist aber: Das Urheberrecht soll so formuliert sein, dass es den Verwertungsgesellschaften nicht mehr die Möglichkeit gibt, mehrfach abzukassieren. Also kostenpflichtige Downloads und dann noch für jedes Gerät (PC-HDD, MP3-Player, Smartphone) nochmals separat Gebühren für den Speicher verlangen. Zudem sollten kommerzielle Inhalteanbieter verpflichtet werden, ihre Werke gleichzeitig auf allen Vertriebskanälen anzubieten: Kino, Fernsehen, Downloads und Streamings sollten gleichzeitig bedient werden und eine zeitliche Staffelung nach Ländern muss ebenfalls verboten werden.

Aber auch den Forderungen nach Internetüberwachung muss Einhalt geboten werden. Die komplette Filterung des Datenverkehrs, die gezielte Sperrung einzelner Webseiten oder gleich des kompletten Internetzugangs durch Zugangsprovider stellen einen derart massiven Eingriff in die Privatsphäre dar, dass sie durch einen Verdacht auf Urheberrechtsverletzungen nicht zu rechtfertigen sind.

Das Urheberrecht sollte also nicht nur Rechte geben, sondern auch Pflichten definieren, nämlich Werke zugänglich zu machen, egal ob kostenpflichtig oder nicht.

Mehr zum Thema gibt es hier
Trotz Globalisierung kein „Breaking Bad“ (fuellhaas.com)
Wir sind alle Kulturschaffende! (fuellhaas.com)
Die fünf größten Irrtümer im Urheberrechtsstreit (spiegel.de)
Bitte aufwachen, Hollywood! (golem.de)
Wenn das Urheberrecht zur Zensur missbraucht wird (Hyperland)
Kategorien-Archiv: Urheberrecht auf netzpolitik.org

Warum gefällt Euch Facebook?

Warum gefällt Facebook mehr als 901 Millionen Menschen weltweit? Das ist die Frage, welche die aktuelle Titelstory des Spiegel (19/2012) in den Raum stellt. Wenn man den Artikel gelesen hat, weiss man, dass „Paul“ (17) erleben musste, wie seine Facebook-Identität gestohlen wurde oder dass „Melisa“ (13) jeden Tag eine Stunde früher als nötig aufsteht, um vor der Schule mit ihren Freundinnen via Facebook zu chatten.

Der Artikel erschöpft sich darin, die Facebook-Nutzung im Alltag von einigen Schülerinnen und Schülern zu beschreiben. Für sie gehört die Plattform zum Alltag wie das Atmen. Die Frage nach dem Gefallen wird weder gestellt noch beantwortet. Die Perspektive von Erwachsenen oder von Unternehmen fehlt ebenfalls komplett. So betrachtet fand ich den Beitrag eher enttäuschend. Was man auf Facebook alles machen kann, muss ich an dieser Stelle sicher nicht beschreiben. Aber eine Antwort auf die Frage, warum Facebook so vielen Leuten gefällt, hätte ich dann doch schon noch gerne.

Deshalb die Frage an meine Leserinnen und Leser: Warum gefällt Euch Facebook?

Bitte hinterlasst Eure Antworten als Kommentar oder via Twitter als @kfuellhaas-Mention. Ich werde dann eine Zusammenstellung der Antworten veröffentlichen.

Shitstorm: Überbewertet oder Normalität im Social Web?

Mit einem „Shitstorm“ ist es wie mit schlechtem Wetter – der nächste kommt bestimmt. Spätestens seit die Agentur talkabout in Deutschland ihre telefonische Shitstorm-Hotline lanciert hat, ist das Phänomen Shitstorm selber auch wieder Gegenstand der Diskussion unter bloggenden Kommunikations-Beratern. Wer einen Einstieg in die Diskussion sucht, findet mit dem Social Media Report von Netbreeze zum Thema einen Anknüpfungspunkt:

Wer als Unternehmen oder Person einen Shitstorm erlebt, steht unbestrittenermassen erst mal im Regen. Kurzfristig können grosse Mengen kritischer oder bösartiger Kommentare natürlich die Wahrnehmung von Dritten negativ beeinflussen. Niemand kann daran Interesse haben. Trotzdem provozieren Unternehmen mit ihrem Verhalten oder ihrer Geschäftspolitik immer wieder derartige Reaktionen.

Aber wenn sich die Gewitterfront verzogen hat, stellt sich die Frage, was aus all den Boykottaufrufen und Bezeugungen ewiger Verdammnis denn wirklich wird. Damit sind wir bei den Kernfragen der Shitstorm-Diskussion:

  • Wie sieht es mit den mittel- und langfristigen Auswirkungen auf den Geschäftsgang wirklich aus?
  • Wie stark leidet die Reputation?
  • Welche KPI zeigen die Auswirkungen am besten auf?

Für mich habe ich ehrlich gesagt noch keine befriedigende Antwort gefunden. Ähnlich Fragen stellen auch andere Blogs, beispielweise hier:

Wie schlimm ist ein Shitstorm wirklich? Der Fall Adidas und die Hundetötungen (blog.xeit.ch)
Die Auswirkungen von Social Media Shitstorms. Hype oder Härte? (gefahrgutblog.de)

Zudem habe ich die Frage auch in der XING-Gruppe Reputation gestellt. Hier der direkte Link zum Mitdiskutieren.

Mehr zum Thema Shitstorm und “Social Media-Krise”
Wie sich Social Media Krisen vermeiden lassen (fuellhaas.com)
Wie Electronic Arts schlechte Online-Reputation ignoriert (fuellhaas.com)
Social Media: Krisen, Shitstorms und Lösungsansätze – Die Krisenhotline (thomashutter.com)
Social Media Shitstorms und PR-Krisen: Warum vieles Krisengerede ist und eine Hotline nicht hilft. (blog.henne-digital.com)
Social Media Konferenz. Brandbeschleuniger und wie man den Shitstorm überlebt (corporate-dialog.ch)

Bitte senden Sie mir ungefragt Ihre Medienmitteilungen!

Via die Facebook-Chronik von mcschindler.com bin ich auf ein Interview auf dem Zimpel-Blog mit Prof. Dr. Thomas Pleil von der Hochschule Darmstadt aufmerksam geworden. Daran geht es unter anderem darum, wie man als PR-Mensch von einem Unternehmen Blogger ansprechen will. Ihnen ganz einfach die aktuelle Medienmitteilung schicken oder sie gleich ungefragt in den Medienverteiler aufnehmen? – Blogger sind im Gegensatz zu Journalisten nicht gewohnt, automatisch mit Informationen beliefert zu werden, erklärt Thomas Pleil. Er empfiehlt ein Vorgehen nach dem Motto „Vernetzen statt pitchen“.

Frage: In welcher Form und mit welchen Anliegen sollten PR-Leute Blogger kontaktieren?

Zum Beispiel, wenn es etwas zu korrigieren gibt. Es ist natürlich hundert mal besser, wenn PR-Leute ein direktes Gespräch suchen anstatt dass gleich die Hausjuristen aktiviert werden, falls sich in einen Blogbeitrag einmal falsche Fakten oder ein anderes Problem einschleichen.

Weitergehend kann es sich anbieten, Kontakt aufzunehmen, wenn sich offensichtliche Anknüpfungspunkte ergeben. Dazu sollte man sich die Themen und Interessen eines Bloggers genauer anschauen und auch, ob erkennbar ist, ob eine Kontaktaufnahme gar nicht gewünscht ist. Das ist zu respektieren.

Über die Anknüpfungspunkte hinaus ist natürlich die Frage, was man zu bieten hat, wenn man jemand nahe kommen möchte, der womöglich privat und ohne alle kommerziellen Interessen im Netz aktiv ist. Und damit meine ich nicht Vergünstigungen oder ähnliches. Stattdessen sollte man sich fragen, warum genau sich ein Blogger mit meinem Thema befassen sollte. Eine Presseinfo, die von klassischen Medien vielleicht im Dutzend 1:1 übernommen wird, ist für Blogger oft gerade langweilig. Stattdessen muss man schon andere Perspektiven eröffnen können, sprich: die Presseinfo und schon gar die ungefragte Aufnahme in Presseverteiler sind in der Regel die schwächsten Strategien der Kontaktaufnahme. (Quelle: blog.zimpel.de)

Wie manch anderer Leser auch, werde auch ich immer wieder ungefragt mit Mitteilungen bombardiert, von denen der Absender ausgeht, sie würden mich interessieren. Oft haben diese nicht einmal etwas mit meinem Themen- und Interessengebiet zu tun: “Sehr geehrter Herr Füllhaas, dies könnte sie auch noch interessieren…” So eine Art von Versand wirkt auf mich eher unbeholfen und führt eigentlich nur zur sofortigen Löschung der Mail bei mir.


Bild: Hier landen täglich viele Medienmitteilungen… (Quelle: Günther Richter / pixelio.de) 

Aber es geht auch anders: Mit dem Team von der myON-ID Media GmbH habe ich diesbezüglich nur gute Erfahrungen gemacht. Erstens ist hier ein thematischer Bezug zwischen ihren Dienstleistungen und meinen Interessen gegeben. Zudem „kennt man sich“ auch über XING oder Twitter. Ab und zu werde ich angefragt, ob ich über eine Neuerung aus ihrem Hause berichten will und werde dann vorab mit Infos versorgt. So ist beispielsweise mein Beitrag über die iMedia Lounge entstanden.

Ersthafte Blogger Relations sind sehr arbeits- und damit zeitintensiv, denn die Pflege individueller Beziehungen lässt sich nicht mit einem Massenmail abhandeln. Deshalb: Wer als Unternehmen nicht die Ressourcen hat, individuell mit Bloggern zu kommunizieren, soll es lieber bleiben lassen und alle als wichtig erachteten Informationen online so bereit stellen, dass sie leicht gefunden und geshared werden können, zum Beispiel in einem Social Media Newsroom.

Wenn Sie wollen, können Sie die Aufforderung im Titel dieses Beitrags durchaus ernst nehmen. Aber lesen Sie bitte erst ein paar Blogbeiträge von mir durch oder schauen auf meinem Twitter-Account @kfuellhaas vorbei, um herauszufinden, ob wir thematisch auch zueinander passen.

Mehr zum Thema
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Interview: Blogger Relations (blog.austriatourism.com)
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